„Zicke Zacke“ – Schülerrandale auf der Bühne

Theater--ZickeZacke-Program

Unter Joachim Fontheim als „General“ – später nannte man ihn nur noch „Gott“ – hatte sich Ende der 60er Jahre in der niederrheinischen Provinz ein Schauspielensemble von erstaunlicher Qualität gesammelt. Hanns Ernst Jäger, Gottfried John oder Wolfgang Neuss zogen uns Schüler in ihren Bann und ins Theater, vor allem Jäger als einer der besten Brecht-Darsteller seiner Zeit. Dazu dann noch der junge Hans Neuenfels, der in Krefeld die „Publikumsbeschimpfung“ inszenierte und damit für einen Skandal sorgte.

Eines Tages, im Januar 1969, fragte unser Klassenlehrer im Deutschunterricht, wer von uns Interesse habe, als Statist in einem Theaterstück mitzuwirken. „Zicke Zacke“ heiße es und brauche Darsteller einer Jugendclique. Es gebe auch ein kleines Honorar. Von 2,50 Mark für jede Probe war die Rede. Theaterspielen und Geldverdienen, Bühne, Publikum und Mädchen – das musste er uns nicht zwei Mal sagen.

Theater-Zicke-Zacke-1Also fanden wir uns am Montag, 20.1.1969, 17 Uhr, zur ersten Probe ein, darunter außer einigen Klassenkameraden und der revolutionären „Prior“-Clique erfreulicherweise auch ein paar sehr attraktive Mädchen. Als Statisten verstanden wir uns eher nicht, da wir während der ganzen Aufführung auf der Bühne agierten, umfangreiche, wenn auch nichts besonders schwierige Texte zu singen und im Chorus zu sprechen hatten.

Die Besoldung erschien uns vor diesem Hintergrund völlig indiskutabel, weswegen wir eine Abordnung zum „General“ schickten. Unsere Forderung: drei Mark je Probe, fünf Mark für die Hauptprobe, Generalprobe und Aufführung. Wir empfanden das als gerechtfertigt, und Fontheim versprach, mit sich reden zu lassen. Letztlich einigte man sich auf 2,50 DM für die Proben und 4,50 DM für die Aufführungen. Es gab schließlich wichtigere Dinge als Geld. Mädchen zum Beispiel. Und wenn man dann die Gelegenheit hat, auf der abgedunkelten Bühne in einer Beatclub-Szene miteinander herum zu kugeln, war der schnöde Mammon ohnehin Nebensache.

Am Donnerstag, 6. März 1969, der große Tag: zunächst um 14 Uhr Generalprobe und dann um 20 Uhr Premiere. Aus meinen Tagebuchnotizen:

„Nach der Generalprobe ins Bristol gegangen, dann zu Hülsmann essen. Abends die Uraufführung. Waren alle furchtbar nervös, der Sprenger, Görtz und auch Krieg. Für die schauspielerischen Leistungen gab es viel Beifall. Dabei fand das Stück an sich nicht die beste Kritik. Fontheim wurde mit Pfiffen empfangen, sonst verhielten sich die Leute manierlich. Zur Premierenfeier waren wir im Nordbahnhof. Unheimliche Stimmung. Die Schauspieler, aber auch Fontheim und Charly Schneider mit Sprechchören empfangen. Der General gab darauf ´ne Lokalrunde.“

Das schrieben damals die Krefelder Tageszeitungen:

WZ Krefeld, 4. März 1969: Vor dem Auftritt Linsensuppe. „Zicke-Zacke“-Generalprobe mit fünfzig Schülern — vor hundert Schülern.

Etwa fünfzig Esslöffel schepper­ten auf Emailletellern. Das war der Pennälerdank an zwei Herren vom Theater, die mit dicken blau­en Warmhaltekesseln in den Chorsaal des Stadttheaters schlurften. Puh, schwere, warme Kessel! Die Jungen und Mädchen hämmerten ihren Beifall runter und schwangen die Kellen. „Es ist noch Suppe da“, brüllte ein Chor im Chore, dann ging’s ran an die Linsensuppe mit ihren Würstchen.

Das war die Stärkung, die sich gestern die Krefelder Schüler vor, der anstrengenden öffentlichen Probe zu ihrem „Zicke-Zacke“-Einsatz rund um den Flügel im Chorprobenraum gönnten. Linsen­suppe aus der Kantine der Edel­stahlwerke, Würstchen dazu und zum Nachtisch Cola. Das gab es gestern gratis zum Honorar von 2,50 DM je Probe und 4,50 DM pro Vorstellung. Schließlich wa­ren die Jungen und Mädchen di­rekt vom Unterricht in die „Zicke-­Zacke“-Probe geeilt, um ihre Sprechchöre und Songs zu Ehren des großen FC und seines legen­dären Mittelstürmers noch einmal zu schmettern.

Ein abenteuerliches, ganz und gar ungewöhnliches Bild war die­ser große Gruppenschmaus aus der Eintopfkantine. Es ging hoch her rund um den Flügel, doch Lin­sen fielen nicht auf die Tasten. In diesem zum Essraum umfunktio­nierten Saal hatten die Schüler zuvor ihre Schlachtgesänge ein­studiert: „Das ist der FC, FC, FC täterä . . . “ oder „Gott segne unsere Elf, schenk ihr Viktoria, Glück, Glanz und Gloria“ oder den rhythmischen Chor „Haut se, haut se . . . „. Auf der Bühne, hinterher, probten sie abermals das akustische Drum und Dran eines Fußballspiels.

Wenn sie gerade nicht pfeifen oder johlen, haben sie auf der FC-Tribüne (gemeint ist offenbar der Platz des FC Chelsea in Lon­don) stillzusitzen. Einmal schla­gen sie sich mit einer Gang her­um, die außer Fußball noch an­dere, schlimmere Dinge im Kopf hat. Dann wälzen sie sich auf den Brettern, schlagen Schwinger in die Luft, und die Mädchen kreischen. Ein andermal geraten sie im rhythmischen Zucken und Stampfen in solche FC-Begeiste­rung, dass der Regisseur, Joachim Fontheim, sie erst wieder daran erinnern muss, dass sie nicht im Beatschuppen sind. Organisierte Zuschauerbegeisterung, ekstatisches Brüllen und Klatschen vor einem unsichtbaren Einpeitscher ist halt was anderes. Der Gene­ralintendant macht es ihnen vor. Das Ganze noch mal!

Theater--Zicke-Zacke-3Was sie noch nicht aus dem Effeff können, schauen sie den Profis ab, den Schauspielern Melke Sang, Dieter Goertz, Wolf-Dietrich Sprenger, Rudolf Krieg und wie sie alle heißen. Eingespannt sind bis auf ein paar eigentlich alle Mitglieder des Schauspielensembles; die Musik macht Charly Schneider hoch oben hinter Zuschauerrängen.

Gestern war die erste von drei öffentlichen Proben. Ausnahmslos Schüler interessierten sich dafür, und sie durften in der Pause dis­kutieren, durften sagen, was ih­nen nicht gefiel. „Kann man denn die Geschichte verstehen?“ fragte Dramaturg Dr. Jörg Henning Ko­kott eine Gruppe von Jungen und Mädchen der Berufsfachschule Glockenspitz. Ja, man kann. Man kann vor allem mehr heraushören als nur Fußballbegeisterung. Es geht wirklich um viel mehr. Doch das wäre nach der Premiere am Donnerstag zu vermerken.

-kw‑

WZ Krefeld, Alfons Neukirchen, 7. März 1969: Ein genaues und bitteres Bild verwirrter Jugend. „Zicke-Zacke“ von Terson auch in Krefeld hervorragend interpretiert.

Auch in Krefeld erregte Peter Tersons Jugendtheater-Stück „Zicke-Zacke“ Beifall und Wider­spruch, und genau wie bei der deutschen Erstaufführung durch Hans Neuenfels in Heidelberg, über die wir ausführlich berichtet haben, gab es auch am Nieder­rhein eine hervorragende, ja bril­lante Aufführung durch Joachim Fontheim und Rudolf Krieg im Dekor von Bert Kistner und unter der musikalischen Leitung von Charly Schneider.

Fontheim und Neuenfelsscheinen irgendwie zusammen gearbeitet zu haben, denn die Krefelder Aufführung gleicht in fast allen Bezügen der Heidelberger — die man bruchstückhaft im Fernsehen kennen­lernte – nur in einem wesent­lichen nicht: Neuenfels hatte die  sozialkritische, bittere Revue in zwei Stunden heruntergewirbelt, Fontheim/Krieg wurden zu aus­führlich und schleppten Ballast von einer halben Stunde mit sich.

Das Stück ist weit mehr als ein frivoler Spaß. Es erfüllt die große Funktion des Theaters, Zeitana­lyse und Zeitkritik zu bieten, in bedrängender Weise. Der 37jäh­rige Peter Terson gibt in spieleri­scher Form eine soziologische und sozialkritische Studie, die nicht nur sachliche Überzeu­gungskraft hat, sondern die dar­über hinaus von einer wilden, lie­benden Zärtlichkeit ist.

Man hat dem Stück seinen Negativismus vorgehalten und seine Ausweglosigkeit. Aber die Antworten auf die vielen Fragen, die Terson stellt, zwingen sich jedem Zu­schauer auf. Selten ist die Ver­zweiflung der heutigen jungen Generation klarer, plausibler dar­gestellt worden als hier. Es wird deutlich, dass die Fußballbegeiste­rung, die in diesem Stück in ihren grotesken, kriminellen Aus­wüchsen dargestellt wird, nur ein Beispiel ist für die Sehnsucht der Jugend nach etwas, an das sie glauben kann, nach Idolen, nach einem Gemeinschaftserlebnis außerhalb der verfluchten Welt der Erwachsenen.

Theater-Zicke-Zacke-2Den Weg des Knaben Harry kann man nicht ohne Anteil­nahme verfolgen, zumal er von dem jungen Wolf-Dietrich Spren­ger mit einem Ausdruck des Lei­dens und der Resignation gespielt wird, der einen tief berührt. Er sucht einen Ausweg aus der Fußball-Fan-Gammelei, aber seine Zusammenstöße mit der Ord­nungswelt verlaufen immer blu­tig. Bei der Polizei wird er zu­sammengeknüppelt, beim Antritt der Handwerkslehre wird seine seelische Substanz durch eine wüste Misshandlung durch Mei­ster und Gesellen geprüft, sein Mädchen folgt dem Kicker-Idol Vincent, zu Hause trifft er immer wieder neue Onkels, die es mit seiner Mutter treiben, die Spießerseligkeit seines Schwagers ödet ihn an, und so folgt er dem Fan-Club-Führer Zicke, der in Krefeld dargestellt wird von dem hochbegabten Dieter Goertz. Er wirkt wie die leibhaftige Verfüh­rung zum Fanatismus, er ist ein zynischer Dämon und ragt deut­lich aus der realistischen Sphäre des Stücks hinaus.

Auch Fontheim und Krieg handhaben die offene Form des Stückes souverän. Die auf der Tribüne sitzenden und mehrmals in die Handlung eingreifenden jungen Fußball-Fans sind wie in Heidelberg fabelhaft choreogra­phisch und musikalisch trainiert, ihre Anfeuerungsschreie, ihre Schlachtrufe, ihre primitiven Lie­der geben in Verbindung mit dröhnender Orgelmusik der Auf­führung einen erregenden Hinter­grund. Jeder Opernregisseur, der sich schon einmal an der großen Prügelei in den Meistersingern versucht hat, würde erbleichen, wenn er die Schlägerei der Blauen und der Roten in Zicke-Zacke sähe. Aber es ist nicht nur die Präzision, die verblüfft. Das Lebens- und Glücksgefühl einer enttäuschten und verrate­nen Jugend auf der Tribüne, im Kampfrausch wird auf diese Weise authentisch übermittelt, und es beweist sich wortlos, dass die von den Erwachsenen ange­botenen Werte kein Ersatz für diesen herrlichen Kollektivrausch sind.

Aus dem Riesenaufgebot der Darsteller können wir stellvertre­tend nur einige Namen nennen. Insgesamt haben die Regisseure auch die Handlungsszenen loc­ker, spöttisch, elegant entwickelt, der Stil des Stücks wird lückenlos durchgehalten. Eine große Gesamtleistung. Außer den schon erwähnten jungen Schauspielern sind bemerkenswert Karl Strecke, Manfred Melz, Dieter Schaad, Ronald Baumann, Katja Bechtolf, Meike Sang, Tom Wit­kowski, zum Teil in mehreren Aufgaben. Die makabre Studie der liebestollen Mutter Harrys liefert Hildegard Raupack ebenso engagiert wie distanziert. Das ganze Theater war für diese wichtige Aufführung aufgeboten, und die Arbeit hat sich gelohnt. Traurig denkt man zurück an die Revue Max von der Grüns „Der Notstand wird geprobt“ in Reck­linghausen. Um wieviel sicherer, prägnanter und künstlerischer zeichnet der Engländer sein Zeit­bild!

Bilder: Privates Bildarchiv

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